Hat das Risikomanagement bei VW versagt?

Kürzlich wurde ich angefragt: „ Welche Fehler wurden im Risikomanagement bei VW gemacht und welche Erkenntnisse können daraus gezogen werden?“

Ich habe in den vergangenen Jahre immer wieder mit Risikomanagement-Abteilungen zu tun gehabt, aber in diesem Fall kann ich als Außenstehender nur spekulieren, was da passiert sein könnte.

Das Risikomanagement bei Unternehmen

Grundsätzlich ist es so, dass auch in Deutschland das Risikomanagement im Unternehmensbereich schon seit vielen Jahren ein wichtiges Thema ist:

„Seit dem 1. Mai 1998 sind Aktiengesellschaften in Deutschland durch das Gesetz zur „Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich“ (KonTraG) aufgefordert ein unternehmensweites Überwachungssystem einzurichten (§ 91 Abs. 2 AktG). Auch ist auf die Risiken der zukünftigen Entwicklung im Lagebericht einzugehen (§ 289 Abs. 1 HSG). Zusätzlich wurde die Haftung der Unternehmensleitung, des Aufsichtsrates und der Wirtschaftsprüfer erweitert …..“

Quelle: Wikipedia: Gesetz_zur_Kontrolle_und_Transparenz_im_Unternehmensbereich

Wurde die „Schummelsoftware“ vom Risikomanagement identifiziert?

Auch VW hat sicher eine große Risikomanagement-Abteilung, die sich mit allen Unsicherheiten beschäftigt, welche den Konzern bedrohen könnten. Die Frage ist nun, wurden die Risiken mit der „Schummelsoftware“ bei den Dieselmotoren und das „CO2-Problem“ identifiziert? Waren diese Risiken der Risikomanagementabteilung bekannt? Da gibt es nur zwei Varianten Ja/Nein

JA: Dann bin ich ziemlich sicher, dass die Risikomanagement-Experten von VW das Risiko ernst genommen haben und das Unternehmens-Management über die möglichen schwerwiegenden Folgen informiert hat.

Nein: Die Risikomanagement-Experten wussten von gar nichts und haben mit Ihren regelmäßigen Risiko-Identifikations-Sessions keine möglichen Risiken in dieser Richtung erkennen können und niemand hat ein Risiko dieser Art gemeldet.

Im Risikomanagement identifizieren ja eigentlich nicht die Risikomanagement-Experten der Risikomanagementabteilung die Risiken, sondern sie managen den Risikomanagement-Prozess, d.h. unterstützen die Mitarbeiter und das Management im Managen ihrer Risiken und helfen mit, dass das Risikomanagement Wirkung zeigt und der Risikomanagement-Prozess eingehalten wird.

VW-Symbol_breit

Clean Diesel USA war sicher ein wichtiges Projekt

Die Markteinführung des Clean Diesel in den USA war sicher ein großes Projekt von VW. Ein Projekt, dass einen großen Profit versprach und die Manager und Projektleiter forderte diesen Profit auch zu liefern. Die Entwickler und Führungskräfte kannten die strengen Abgaswerte, die es in den USA einzuhalten waren. Die damals vorhanden Technologie, um diese Abgaswerte einzuhalten war vermutlich noch zu teuer und hätte den Profit diese Projektes vermutlich stark gefährdet. Der Druck von „Oben“ bezüglich Kosten/Gewinn und Markteinführungstermin war wahrscheinlich so groß, dass man zu einer „Schummellösung“ griff, um das Projekt nicht zu gefährden. Jetzt ist natürlich die Frage, war diese Schummellösung nur einem kleinen Kreis von Entwicklern und Projektverantwortlichen bekannt oder wie hoch oben im Management war dies ein Thema.

Kommen wir zurück zum Risikomanagement. Es sollte eigentlich allen involvierten Managern bekannt gewesen sein, dass massive Strafen drohen, wenn Amerikanische Gesetzte übertreten werden. Dass haben z.B. auch die Schweizer Banken erfahren, die mehrere Milliarden Dollars an Bussen in den USA zahlen mussten weil sie Steuergesetzte übertraten. Haben die Manager und Ingenieure bei VW wirklich spekuliert, dass der Schwindel nicht entdeckt wird? War man wirklich so naiv? Unbegreiflich!
Was war jetzt aber die Rolle der Risikomanagement-Abteilung? Da kann ich halt wieder nur spekulieren.

  1. Das Risiko war bekannt und wurde vom Unternehmensrisikomanagement an die Unternehmensleitung rapportiert. Diese hat das Risiko zur Kenntnis genommen und nichts unternommen.
  2. Das Wissen über die Schummelsoftware wurde von den Ingenieuren und Management so geheim gehalten, dass es nie ein Thema im Risikomanagement war, bis die ersten Untersuchungen in den USA bekannt wurden.

Was meinen Sie? Eine Tatsache ist, Profitgier (hohe Bonuse und Sondervergütungen), besonders beim Management, verdrängt Risiken und früher oder später gibt es immer einen großen Knall, dies war 2007/2008 bei der Finanzkrise so, die mit der Immobilienblase (Subprimekrise) in den USA startete und wird auch bei VW so gewesen sein.

Eines frage ich mich trotzdem, wie konnte man so naiv sein und diese Risiken so lange verdrängen.

Was meinen Sie? Wie war die Situation beim Risikomanagement bei VW ?

Nachtrag:  In der „Süddeutsche Zeitung“ vom 27.7.2017  erschien folgender Bericht: Audi fürchtete schon 2013, aufzufliegen. Audi-Techniker haben bereits im Oktober 2013 auf die Abgasmanipulation in den USA hingewiesen. Das zeigt ein internes Dokument. Sie warnen darin vor den Folgen eines Auffliegens und empfehlen sogar, die Manipulations-Software zeitnah umzustellen. Doch das geschah nicht …..

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2 Comments

  1. Abseits von Profitgier gibt es für Variante 2 noch einen anderen Hintergrund, nämlich den rein psychologisch/disziplinarischen.

    Es gibt nämlich Unternehmensstrukturen, bei denen die Vorgesetzten und erst recht die, die noch weiter oben sind, als nicht unfehlbar gelten. Der große Vorsitzende hat eine Parole ausgegeben, von der die Experten erkennen, dass sie nicht einhaltbar ist. Der Erfolgsdruck muss wohl so groß gewesen sein, dass die Weitergabe der Information über deren Unmöglichkeit unterbrochen wurde. Die Unterwürfigkeit und Eitelkeit einzelner untergeordneter lokaler Entscheider führte dann zu dieser Schummellösung.
    Das erinnert mich fatal an eine Zeit Anfang der 90er Jahre, als ich als Wessi in Thüringen war zur Ausbildung von Umweltberatern. Mir fiel auf, dass die Allgemeinbildung älterer Ingenieure viel höher war als bei den jüngeren. Als ich danach einen älteren Lehrer in einem meiner Kurse fragte, antwortete er, dass die lokale Parteileitung die Durchfallquote an den Schulen festgelegt hatte, um jedes Jahr vor der übergeordneten Parteileitung besser da zu stehen und auch besser als die Nachbarorte.

    Ich habe den Eindruck, dass Risikomanagementsysteme zu sehr die Risiken der Material- und Prozesseinflüsse berücksichtigen und zu wenig die rein menschlichen. Es müssen Strukturen gepflegt werden, um das Vorhandensein derartiger Risiken aufzudecken und zu dokumentieren.

    • Hallo Herr Brauns. Vielen Dank für Ihren wertvollen Kommentar! Ihr erster Zatz und Ihre Zusammenfassung auf den letzten 3 Zeilen ist aus meiner Sicht sehr relevant und wird meinstes vernachlässigt.
      Abseits von Profitgier gibt es für Variante 2 noch einen anderen Hintergrund, nämlich den rein psychologisch/disziplinarischen.
      „Ich habe den Eindruck, dass Risikomanagementsysteme zu sehr die Risiken der Material- und Prozesseinflüsse berücksichtigen und zu wenig die rein menschlichen. Es müssen Strukturen gepflegt werden, um das Vorhandensein derartiger Risiken aufzudecken und zu dokumentieren.“

      Auch ich bin mir dessen Aspket in der Vergangenheit zu wenig bewusst gewesen und Ihr Gedankenanstoss war für mich wertvoll. Danke!

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