Die frühen Warner vor Risiken werden selten ernst genommen

Die frühen Warner vor Risiken werden selten ernst genommenRisiken bei Projekten werden oft ignoriert. Das ist aber nicht nur bei Projekten so. Am 11. März 2011 erschütterten ein Erdbeben und ein Tsunami Japan. Im AKW Fukushima Daiichi ereignete sich darauf eine dreifache Kernschmelze. Mehr als sechs Jahre nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima standen erstmals frühere Top-Manager des Atomkraftwerkbetreibers Tepco vor einem Strafgericht. Sie wurden beschuldigt die Gefahr eines gewaltigen Tsunami missachtet zu haben und damit Schuld an dem Super-Gau vom März 2011 zu sein. Im September 2019 wurden die Top-Manager freigesprochen. Lesen Sie weiter und erfahren Sie warum und was wir aus diesem Ereignis für Projekte lernen können.

Interne Warnungen wurden ignoriert

Die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima von 2011 ist natürlich kein Einzelfall, wenn es um das Missachten von Risiken geht. Das gleiche gilt für Risiken bei Projekten. Warum werden diese oft ignoriert, obwohl aufmerksame Projektmitarbeiter schon lange davor gewarnt hatten?

„Es war unmöglich, den Unfall vorherzusehen“, behaupteten die Atomkraftwerk-Manager vor Gericht. „Mit einem Tsunami dieser Stärke habe man nicht rechnen können“. Dabei mussten sie die Gutachten gekannt haben, die die japanische Atomindustrie vor eben solchen Erdbeben und Killer-Tsunamis warnten.

Katsuhiko Ishibashi von der Universität Kobe hat den Verlauf der derzeitigen Nuklearkatastrophe von Fukushima vorausgesagt. „Ein Erdbeben und seine Folgen, also ein Tsunami, könnte mehrere Teile eines AKW ausschalten. Das würde dazu führen, dass man den Reaktor nicht mehr kühlen kann. Die Brennstäbe beginnen zu schmelzen. Es könnte zur Kernschmelze oder sogar zu einer nuklearen Explosion kommen. Auch Wasserstoffexplosionen wären möglich“, warnte der Professor im Februar 2005 eine Parlamentskommission. Außerdem könnte die Hilfe für die Erdbebenopfer wegen radioaktiver Verseuchung behindert werden. Genau das ist in Fukushima passiert!

Ein Beziehungsgeflecht zwischen Staat und Atomlobby

Es handele sich um ein „Desaster von Menschenhand”. Verantwortlich dafür sei das Beziehungsgeflecht zwischen Staat und Atomlobby. Im Juli 2017 hatte ein Gericht eine Mitschuld des Staates festgestellt. Der Staat und der Atomkraftwerk-Betreiber Tepco hätten sich der Nachlässigkeit schuldig gemacht. Tepco hätte zu Schutzvorkehrungen vor Tsunamis verpflichtet werden müssen, hieß es.

Im September 2019 hat das Landgericht Tokio die früheren Chefs des Energiekonzerns Tepco freigesprochen. Niemand ist schuld an einem der grössten Atomunfälle der Geschichte. Die Kernschmelze in drei Reaktoren des japanischen Kraftwerks Fukushima Daiichi 2011 war ein Werk „höherer Mächte”. Die Anklage lautete, der Betreiber Tepco hätte wissen müssen, dass Reaktoren an der Küste des Erdbebenlandes Japan besonderen Risiken durch Riesenwellen ausgesetzt sind. Das Gericht sagt, so etwas könne man nicht wissen. Es sagt sogar: Einem Kernkraftwerkbetreiber sei nicht zuzumuten, jede Laune der Natur vorherzusehen.

Die Kernschmelze in drei Reaktoren war ein Werk „höherer Mächte”.

Die Warner bei der Audi Diesel-Affäre

Am 18. September 2015 wurde öffentlich bekanntgemacht, dass die Volkswagen AG eine illegale Abschalteinrichtung in der Motorsteuerung ihrer Diesel-Fahrzeuge verwendete; die US-amerikanischen Abgasnormen wurden nur in einem speziellen Prüfstandsmodus erreicht, im Normalbetrieb wird dagegen ein Großteil der Abgasreinigungsanlage weitgehend abgeschaltet. VW hatte zuvor, zur Förderung des Verkaufs und Erhöhung des Marktanteils von Diesel-Pkw in den USA, gerade diese Fahrzeuggeneration in großen Werbekampagnen als besonders saubere „Clean-Diesel“ beworben.

In der „Süddeutsche Zeitung“ vom 27.7.2017 erschien dann der folgende Bericht: Audi fürchtete schon 2013, aufzufliegen. Audi-Techniker haben bereits im Oktober 2013 auf die Abgasmanipulation in den USA hingewiesen. Das zeigt ein internes Dokument. Sie warnen darin vor den Folgen eines Auffliegens und empfehlen sogar, die Manipulations-Software zeitnah umzustellen. Doch das geschah nicht.

Die frühen Warner werden selten ernst genommen

Nicht selten werden frühe Warner schlechtgemacht, ausgespottet und als verrückt erklärt. So etwas wird doch nie geschehen, absolut unmöglich! Und wenn diese Verneiner/Ablehner dann plötzlich doch aufwachen und realisieren, dass es doch kein Schwachsinn war und es wirklich passiert, dann geraten Sie in Panik. Wir Menschen sind leider so verdrahtet, dass wir potentielle Probleme gern ignorieren und verleugnen, bis wir mit ihnen direkt konfrontiert sind. Nur dann ist es meistens zu spät, um noch sinnvoll zu handeln.

Nehmen Sie die Warner wahr

Bei Ihrem Projekt mögen die potentiellen Schäden nicht so groß sein, wie beim Atomkraftwerk Fukshima, aber Sie sollten die Warner trotzdem wahrnehmen, die vor unglaublichen, fast unmöglichen, potentiellen Projektproblemen warnen. Auslachen oder diese als Spinner anschauen ist sicher die falsche Strategie. Nehmen Sie diese Risiken in Ihre Risikoanalyse auf und diskutieren Sie diese, solange sie nicht zu utopisch sind. Risiken wie z.B. “ein Hinkelstein könnte uns auf den Kopf fallen” können Sie getrost weglassen, denn das verstehen eh nur Asterix Leser!

Schon das Diskutieren über solche Risiken sensibilisiert die Teilnehmer und gibt auch oft wieder Assoziation oder einen Anstoß weiter zu denken, um neue oder ähnliche, oder „realistischere“ Risiken zu finden.

Warum werden gewisse Risiken nicht akzeptiert oder ignoriert?

Wurde Ihnen bei der Risikoidentifikation auch schon folgendes gesagt:

  • „Dieses Risiko ist so unmöglich, vergiss es schnell wieder!“
  • „Wenn wir dieses Risiko notieren, dann erhalten wir Probleme mit unserem Management.“
  • „Mit diesem Risiko auf unserer Liste machen wir uns lächerlich.“
  • „Wenn wir dieses Risiko auf die Liste tun, dann können wir unser Projekt schnell streichen.“

Oft werden unangenehme oder „unwahrscheinliche“ Risiken identifiziert und einfach nicht weiterverfolgt oder aus Listen gestrichen. Gründe dafür sind:

  • Politische oder persönliche Interessen
  • Druck des Managements
  • Gewinnmaximierung
  • Angst, dass das Projekt gestoppt wird
  • Weil man sich einfach nicht vorstellen kann, das so etwas passieren kann
  • Überheblichkeit (uns passiert doch so etwas nicht!)

Dies war bei Fukushima so, beim Absturz der Raumfähre Challenger, bei der Explosion der Deepwater Horizon und bei der Dieselaffäre bei VW.

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